Ich möchte dieser Schilderung meiner Heimreise von Berlin nach Leipzig am Samstagabend voran stellen, dass ich heil angekommen bin und dieses Erlebnis nicht meiner generellen Erfahrung mit der Deutschen Bahn entspricht. Soviel dazu.

(Bild von PixelQuelle.de)
20:46 Ankunft am Berliner Hauptbahnhof. Ich möchte aus monetären Vernunftsgründen den InterConnex nutzen, der nach meiner Information 21:01 in Richtung Heimat (Leipzig) aufbricht. Dass ich hier einer Fehlinformation unterliege, schwant mir allmählich als ich weder an den Ankunfts-Boxen noch an der Info-Wand meine Verbindung entdecke. Die junge Dame, welche ich am DB-Informationspunkt um Aufklärung bitte, schaut verwirrt drein. Zum einen, weil sie meine Vorab-Entschuldigung, ich würde sie mit einer Anfrage behelligen, die ihr Unternehmen nicht wirklich beträfe, nicht versteht. Alles kein Problem! Achja? Gut. Zum anderen aber, weil der Connex die Neun-Uhr-Abends-Fahrt tatsächlich an allen Wochentagen, nur dem Sonnabend nicht anböte. Ich hätte jedoch Glück, es gäbe noch eine letzte Verbindung. Irgendeine Euro-Verbindung nach Wien, die über Leipzig führe. Nunja, nicht ganz. Ich müsse in Kauf nehmen, dass justament heute der Leipziger Bahnhof gesperrt sei und ich ab Halle auf den Schienenersatzverkehr wechseln müsse. Mach ich, sag ich. Tickets? Müsste ich schon im Zug kaufen, da ebenjener bereits in 4 Minuten – 20:54 Uhr abfahre. Sagt’s, drückt mir noch einen Zettel mit der Verbindung in die Hand und ich laufe los. Im Schlepptau meinen Vater samt Gattin, die mir auf dem Weg noch sämtliches verfügbares Bargeld in die Hand drückt. (Ich war ja nur auf meine 20-Euro-Connex-Fahrt eingestellt.)
20:53 Uhr Der EuroNight nach Wien fährt ein. Beim Anblick wird mir klar, worauf ich mich da eingelassen hab. Bei diesen Zügen hat Bahnfahren noch den Charme von InterRail. Wahnsinnig gesprächige USA-Studis auf Europa-Trip, Erasmus-Studenten auf dem Weg nach Hause, der Geruch nach Urin und kalten Zigarettenrauch, durchgesessene Sitze, die schon Gott-weiß-was erlebt haben.
Im Nichtraucher-Wagen sitzt nicht eine Menschenseele, also setze ich mich ins erstbeste Abteil und ordne mich und meine Sachen.
20:54 Uhr Abfahrt. Ich werfe einen ersten Blick auf den Zettel mit der Verbindung, auf die ich mich nun eingelassen hab. Und stutze. Ankunft in Halle: 23:37 Uhr. Wo zum Teufel fährt dieser Zug lang? Über Schwerin? Ich würde ja gern den Streckenverlauf beobachten, aber verdammt, es ist stockdunkel da draußen in Ostdeutschland!
Nungut, ich werde also nicht wie gewünscht – und geplant – 22:30 Uhr in Leipzig sein, sondern 0:50 Uhr. Da muss ich wohl durch. Einen vorbeieilenden Schaffner rufe ich durch die Abteiltür zu, ich bräuchte noch ein Ticket. Macht der Kollege, sagt er und verschwindet eilig. Gut. Ich hab meine Pflicht getan, kann keiner sagen, ich wär’ ein blinder Passagier oder so.
Ca. 21:30 Uhr Es klopft an der Abteiltür. Ich bin weggedöst und bemerke benommen zwei Herren in irgendeiner fremden Schaffner-Uniform, die mich freundlich-nachsichtig angrinsen. Ich murmle irgendwas von noch-ein-Ticket-kaufen. Der Ältere der beiden sagt – bereits mit dem Wissen in der Stimme, dass dem nicht so ist: „Sie wissen aber schon, dass ich Ihnen hier aber nur ein Global-Ticket verkaufen kann?“ Ich mach ein Gesicht wie: Global-Ticket, einmal um die Welt, bitteschön. Oder wie? „Also, dies ist ein EuroNight Zug, wir fahren nach Wien und egal wo sie zusteigen oder wie weit sie fahren, ich muss Ihnen für jede Strecke den Gesamtpreis berechnen. Das wären 89 Euro.“ Erstmal sag ich nichts. Rechne irgendwie im Kopf zusammen, dass mein Bargeldbestand derartige Sperenzchen nicht mitmacht, während ich gleichzeitig gar keine Lust habe, verdammte 89 Euro für eine Fahrt nach Halle (!) zu zahlen. Also erkläre ich wirr die Situation am Bahnhof, merke, dass ich wirres Zeug rede und mache hilflos weiter. Irgendwo zwischendrin verändern die beiden ihren Gesichtsausdruck. Dies geschieht ungefähr zeitgleich als ich „Deutsche Bahn“ und „Informationsschalter“ sage. „Passen Sie auf“, sagt der Ältere und allmählich dämmert mir, dass ich tatsächlich in einem Zug der Österreichischen Kollegen sitze, „Ich berechne Ihnen jetzt neun Euro, wenn Sie auch wirklich in Halle aussteigen.“ So ganz glaubt er mir meine Geschichte wohl nicht, jedenfalls macht er keinen glücklichen Eindruck, wer weiß, was er schon alles gesehen und gehört hat. Da kann er es wohl locker mit dem Erfahrungsschatz der Sitze aufnehmen. Er erklärt seinem Begleiter – offensichtlich ein Azubi – wie er das jetzt zu berechnen hat, verabschiedet sich und verschwindet. Ich ruf ihm noch ein Danke! hinterher, während sein junger Kollege, sichtlich amüsiert, den Verkauf abwickelt. Endlich wieder allein, bemerke ich, dass mein Dekollete während des gesamten Gespräches in den Kniekehlen gehangen haben muss, denk noch so, dass das ja schon reichlich kalkuliert ausgesehen haben muss und dann: auch egal.
Die Fahrt verbringe ich mit Zeitungslesen, Telefonieren und Dösen. Was aber weniger entspannend ist, da ich von der Angst geplagt werde, irgendwann in Wien aufzuwachen. Nicht dass Wien nicht schön ist, aber bitte heute nicht mehr.
Nach anderthalb Stunden halten wir. In Rackwitz (bei Leipzig). Tja, „bei Leipzig“ kann viel bedeuten, in dem Fall bedeutet es „In zehn Minuten wärst Du in Leipzig“. Wenn. Ja wenn ich am Samstagabend um die Uhrzeit jemanden anrufen würde, der mich abholt. In Rackwitz (bei Leipzig). Will ich aber keinem antun. Bin ja selbst schuld. So setzt sich der Zug nach 15 Minuten wieder in Bewegung, und zwar in die Richtung aus der er gekommen ist und fährt nach Halle.
23:37 Uhr Ankunft in Halle. Verdächtig viele Polizeibeamte am Bahnhof. Ich frag nach dem Schienenersatzverkehr, folge der präzisen Auskunft, verlasse das Gebäude und treffe auf eine Gruppe ziemlich betrunkener junger Männer, die sich freuen mich zu sehen. So sehr, dass sie mir erstmal hinterherlaufen. Egal, ich sehe den Bus bereits und muss weder ein Ticket zeigen, noch eins kaufen. Setz mich hinter den netten Fahrer und versuche mich im Dämmerlicht erneut an dem Artikel, der mich im Zug bereits zum Schlafen gebracht hat. Mehr und mehr Leute treffen ein. Afrikaner, eine Asiatin mit Instrumentenkoffer, ein verliebtes Pärchen. Ein Bus also ganz nach dem Geschmack ostdeutscher Provinz. Und dann noch ein älterer, müder Staatsbeamter in Grün. Es gäbe da ein paar Fußballfans, die müssten nach Leipzig, ob das denn in Ordnung ginge, wenn die mitkämen, fragt er meinen neuen Freund, den Busfahrer. Es wären auch zwei Kollegen zum Geleitschutz mit dabei. Klar, kein Problem, sagt der.






3 Kommentare
Köstlich…Im Bus scheint ja nicht mehr gar zu viel passiert zu sein. Schade :)
Ich kann R. nur zustimmen :)
Schöne Geschichte, kommt leider öfter vor als man denkt. Ich fahr inzwischen Auto. Auch wenn die Bahn Werbung macht wie “Stell Dir vor die Bahn ist billiger als das Auto” kann man über das europäische Zugverkehrsnetz nur den Kopf schütteln. Mein Beileid zu dem versauten Abend.