Mark Daniel von der örtlichen Regionalzeitung hatte seine liebe Not, die Kampfhähne zu seiner Rechten und Linken–wobei die genaue Position gar nicht so wichtig war–in ihre Schranken zu weisen und die Diskussion zu leiten. Letztendlich versagte er als Moderator der Runde, die sich mit dem Thema “Don’t Believe the Hype: Schein und Sein der Creative Class” in der naTo beschäftigen wollte (Alex berichtete). Die beiden Hähne (wenn ich bei diesem Bild bleiben darf) waren (siehe unten) der fast schon berühmteberüchtigte Sascha Lobo (riesenmaschine) und Ulrich Bröckling (Uni Leipzig). In ihrer Mitte die streitbare Arne Linde (Galerie ASPN).
Natürlich dachte sich das Publikum, dass man über Spezifika der neuen kreativen Klasse oder über die Definition und die Probleme der digitalen Boheme sprechen würde. Doch es wurde enttäuscht. Nachdem nach einigen Minuten alle Mikrofone funktionierten, konnte man vor allem Worthülsen vernehmen. Phrasen wurden gedroschen. Vor allem von Lobos Seite. Der fiel seinen Gesprächspartnern häufig ins Wort, um es ihnen alsdann umzudrehen. Leider gab es keinen intellektuellen Ausgleich für solch schlechtes Benehmen. Aber vielleicht war das auch Teil einer groß angelegten Zermürbung des Publikums durch die Veranstalter. Erst ließ man viel zu viele Menschen in einen viel zu kleinen und schlecht belüfteten Raum, dröhnte sie vor der eigentlichen Veranstaltung maßlos mit viel zu lauter Musik zu und schaltete, während Menschen versuchten zumindest vernünftige Stehplätze zu ergattern, das Licht aus, um Werbung für andere Veranstaltungen an eine Leinwand zu projizieren.
V. l. n. r.: Bröckling, Linde, Daniel und Lobo.
Die Diskussion waberte irgendwo zwischen allgemeiner Kapitalismuskritik, dem Lob der Individualität, möglichen Definitionen von Kreativität, Gründen den Ort zu verlassen (Toilette oder Fußball) und dem bedingungslosen Grundeinkommen hin und her. Selbst das Publikum, so vielfältig seine Beiträge (vom sozialschmarotzenden* arbeitslosen Landschaftsgärtner über den erfolgreichen bis zum demnächst gescheiterten Kreativunternehmer) auch gewesen sein mögen, schaffte doch nicht das Kunststück, die verfahrene Diskussion, der an allen Ecken eine Struktur fehlte, eine wertbringende Richtung zu geben. Sehr unterhaltsam war die Runde aber schon: die Kontaktschranken–auch zum Publikum–waren sehr niedrig, auf der Bühne wurde viel gegessen (links bis Mitte) und getrunken (rechts), man beschimpfte sich inbrünstig oder wechselte die Rollen (sowohl argumentativ, als auch funktional: Arne Linde übernahm zwischenzeitlich die Moderation). Irgendwie war es aber doch eine Riesenzeitverschwendung.

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Nanana, das ist aber vernichtend!
Zu vernichtend, wie ich finde. Die beiden “Kampfhähne” hatten sich ja nun mal vorher abgesprochen, an der Bar, beim ersten Wein, als -jeder auf seine Art- Rampensäue gutes “Entertainment” zu liefern. Das ist ihnen -trotz der Hartz IV-Ernsthaftigkeit des Themas- sicherlich auch ganz gut gelungen.
Was mir eher aufgefallen ist, war ein -teilweise- humorbefreites Publikum. Manchmal kam es einem vor, als würden sich alle Antworten von einem Heilsbringer erwarten, der Ihnen, der “kreative Klasse” mit seinem Buch erst den Stempel aufgedrückt hatte. Und dann redet der da lustig und kann ihnen gar keine Anleitungen für ihre gerade gefundene, gesellschaftliche Identität geben…
Einge Redebeiträge a.d Publikum waren nicht mal vom Ansatz her bereichernd, sondern genau solche Hilferufe gemischt mit Selbstproduktion (”..ich war schonmal in Neuseeland, Leute, und da hungert man anders!”) und der verzweifelten Suche nach Einordnung des Sascha Lobo (”Du bist für mich ein Faschist!”). Ambivalenz ist tatsächlich nicht jedermanns Sache – aber ich fand´s lustig! ;)
Uah! Ein Hype um “Don’t believe the Hype”!
Ich kann mir nach Horatioramas Bericht und Hennings Kommentar schon denken, wie es gelaufen ist. Danke für Eure Einschätzungen (und für die Gewissheit, mit dem Fernbleiben nicht falsch gemacht zuhaben).
Für mich klingt es so, dass in einem überfüllten Raum herummäandert wurde. Und das ist nicht gut, denn herummäandern und vor sich hin prokrastinieren kann man auch zuhause. In diesem Sinne:
Procrastinators, leaders of tomorrow!
Den Mitschnitt der Veranstaltung gibts auf den Seiten der Pop Up HIER zum Direktdownload. 26MB gross.