Sommerloch in Leipzig. Unsere “DHLVZ” (Wiglaf Droste) ernährt sich an den Polizeiberichten, und die Redaktion scheint auch mal wieder etwas mehr Zeit zu haben, um eigenrecherchierte Themen zu setzen. So prangert die heutige Ausgabe in Bild-esker Manier: “Überall Schmuddelwerbung”. Gemeint sind damit nicht etwa Nackedeibilder im eigenen Kleinanzeigenteil, sondern die ohne Genehmigung an Gebäuden angebrachten Veranstaltungsplakate. Denn kein ABM-finanzierter Putztrupp darf da ran, weil diese nur für den öffentlichen Besitz zuständig sind und nicht für die Fassaden leerstehender Häuser in privater Hand. Und da die Besitzer solcher Häuser oftmals ganz weit weg von Leipzig wohnen, kümmern sie die bunten Plakatblöcke herzlich wenig.
“Erhebliche Beschädigungen”, ein “verschandeltes Stadtbild” und der “Einsturz ganzer Schaufenster” werden in der Zeitung als Argumente gegen wildes Plakatieren angeführt.
Klar, das Papierabkratzen von Fenstern oder unter der Last splitternde Scheiben sind kein Spass, ohne Frage. Aber was ist das eigentlich für eine “Schmuddelwerbung”? Was für Menschen “verschandeln” all die vielen Wände?
In erster Linie sind das Veranstalter, denen kommerzielle Mietflächen zu teuer sind und die ausser dem ungenehmigten Kleben von Werbung keine andere Möglichkeit sehen, ihre Botschaften im öffentlichen Raum unterzubringen. Für sie sind die geeigneten Flächen mit den Jahren immer weniger geworden. Das führt sogar dazu, dass sich Klebetrupps gegenseitig konkurrieren. So werden zum Beispiel frische und noch feuchte Plakate einfach wieder abgerissen oder fix neu überklebt.
Und die sich an den Häusern wellenden Papierblöcke werden immer dicker.
Sollen sie doch Flyer für ihre Partys machen, werdet Ihr sagen. Aber auch das ist nicht mehr einfach und billig. Früher reichte das Drucken von kleinen Zetteln und eine Verteiler-Tour durch Leipzigs Kneipen. Damals waren die Tische vor den Zigarettenautomaten fast schon Ersatz für Veranstaltungsmagazine. Heute stehen in gastronomischen Einrichtungen meist nur noch robuste Aufsteller kommerzieller Flyervertriebsketten, die Druck und Vertrieb in Komplettpaketen anbieten und das “wilde” Flyern zu unterbinden versuchen.
Ich könnte jetzt noch ewig so weitererzählen, möchte aber eigentlich nur zeigen, dass das Problem (wenn es denn überhaupt eins geben sollte) wiedermal komplexer ist, als es in der Zeitung steht. Seine Lösung kann nicht der Aufruf zum Verpfeifen von Menschen sein, die Plakatrollen unterm Arm tragen.
Relativierend wirkt vielleicht der Blick in die Hauptstadt. Dort hilft den Telefonkästen keine Putztruppe mehr und die Welt geht auch nicht unter:

Berlin, Mitte.

Leipzig, Südvorstadt.

LeipzigBlogs
Boah, ist der Artikel schlecht. Aber kein Wunder, bei Wiglaf Droste, dem laut Wikipedia “satirischen Polemiker” – was soll da groß anderes rauskommen? Befremdlich, dass Heldenstadt sowas verlinkt. Tschuldigung, aber so ein Mist sollte doch lieber weiterhin in den Untiefen des Webs unbeachtet bleiben…
Auch wenn es off-topic ist, muss ich Guido für die Verlinkung danken. Droste wie meist ein grandios unangenehmer Kommentator des Geschehens. Ich denke, Leipzig bräuchte viel häufiger Leute von außerhalb die auf die blödsinnigsten Stilblüten des gesellschaftlichen Geschehens in der Pleißemetropole hinweisen.
On-topic: Sommerlochthema. Mein Gott, dass man nicht mal ein relevantes Thema aufgreifen kann! Nur den volkszeitlichen Abonnenten zu Munde zu reden ist extrem billig. Zum Glück hat man aber nicht das Thema “Beatmusik”, “Langhaarschnitt” oder “Todessttrafe für bei Rot-über-die-Straße-Geher” aus dem Hut gezaubert. Dennoch, das wirklich Schlimme an der Sommerlochhatz ist nicht einmal, dass man die Themen der unzufriedenen Wendeverlierer und der alten verbitterten Meckerer bedient–das hätte man mit Graffiti, mit Werbezetteln im Briefkasten oder mit lauten Nachbarn locker gekonnt–nein, man kreiert etwas neues, über das man sich dann gemeinschaftlich aufregen kann. Erst wenn der erste mit einer LVZ unterm Arm einen Plakatkleber des nachts mit der Axt erschlägt…
Falls mal ein sauber recherchierter Artikel eines Heldenstadt-Autoren gefragt ist, der unbedingt aus den Untiefen des Webs befreit werden muss:
http://www.danielgrosse.com/blog/2007/02/28/hundehaufen-veraergern-tauchaer/
Wunderbarer Artikel! Ja, das ist “unsere Zeitung”, wie wir sie lieben. Ich bin überhaupt für eine Drostesche Leipzig-Kolumne, keiner stänkert schöner.
Gemeingefährliche Radfahrer in der Innnenstadt sind wohl als Sommerlochthema durch?
also ich wuerd ja bei schmuddelwerbung eher an entblösste brüste oder sowas denken. .)
Habt ihr schon gesehen? Zumindest die DPA liest auch heldenstadt.de . Heute auf LVZ online: http://www.lvz.de/aktuell/content/70840.html
Es geht um PMs der Polizei: “Der Internet-Blog „heldenstadt.de“ würdigte die Pressemitteilungen bereits kollegial als „Quasi-Blog“ mit „flotter Schreibe“.” ;-)
@Volker Schlacht – immer wieder eine ehre…
@Daniel Große: Ah ja. Wie gute Texte eines freien Journalisten aussehen, läßt sich dann also eher auf Deiner Site nachlesen. Kicher.
Daß Droste über Leipzig schreibt, ist ein Glücksfall – für Leipzig.